Schönheit beim Bauen, wie wir sie wiederfinden
Aktualisiert: 30. Aug.

Wer durch die Altstadt von Zürich, die Berner Lauben oder die Gassen von Paris spaziert, bleibt immer wieder stehen – nicht weil die Häuser spektakulär sind, sondern weil sie schön sind. Es lassen sich kleine Details an Fassaden entdecken, schöne Proportionen, angenehme Plätze. Sogar ein einfaches altes Bündnerhaus kann diese Freude auslösen. Wer dagegen durch viele neuere Wohnquartiere geht, geht meist einfach vorbei. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis, wie wir heute planen und bauen. Als Architekt begegnet mir diese Frage in fast jedem Projekt – und sie lohnt sich, bevor der erste Plan gezeichnet wird.
Drei Anforderungen, aber nur zwei zählen noch
Bereits der römische Architekt Vitruv hielt vor rund 2000 Jahren fest: Ein Gebäude braucht drei Dinge – Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit. Die ersten beiden sind heute bis ins Detail geregelt: Statik, Brandschutz, Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit werden berechnet und geprüft. Schönheit dagegen lässt sich nicht normieren – und verschwindet deshalb häufig einfach aus der Planung.
Historisch lässt sich das nachvollziehen: Adolf Loos kritisierte 1908 in seinem Essay «Ornament und Verbrechen» das bedeutungslose, industriell reproduzierte Ornament seiner Zeit. Die Architektur der Moderne übernahm daraus vor allem die Ablehnung jeglichen Ornaments – aus der berechtigten Kritik am schlechten Ornament wurde schrittweise die Ablehnung des Ornaments überhaupt. Bauhaus, «Less is more» und Le Corbusiers Idee der «Wohnmaschine» brachten wichtige Fortschritte bei Hygiene, Licht und Standardisierung. Gleichzeitig setzte sich aber weltweit ein Architekturverständnis durch, in dem Schönheit vor allem als Weglassen von Gliederung und Gestaltung verstanden wurde. Das Ergebnis sind Häuser, die technisch einwandfrei funktionieren, aber wenig Freude bereiten.

Was ein Haus alterungswürdig macht
Ein Haus ist mehr als die Summe seiner Vorschriften. Vier Punkte machen für mich den Unterschied zwischen einem Gebäude, das man nach 30 Jahren gerne noch anschaut, und einem, das man am liebsten übersieht:
Echte Materialien: Naturstein, Holz oder mineralischer Verputz altern mit Würde und entwickeln Patina. Imitate und billige Verkleidungen zeigen mit der Zeit vor allem eines: Schäden statt Charakter. Wichtig ist dabei auch der konstruktive Schutz – eine Holzfassade etwa altert nur dann gleichmässig, wenn sie durch Vordächer oder einen Anstrich vor Witterung geschützt wird.
Menschlicher Massstab: Fassaden mit Gliederung, Vor- und Rücksprüngen und einer erkennbaren Struktur wirken nahbar. Glatte, endlose Rasterfassaden wirken dagegen oft kalt und beliebig, egal wie sorgfältig sie technisch geplant sind.
Bezug zum Ort: Ein Haus, das sich in Höhe, Material und Proportion an seiner Umgebung orientiert, wertet ein Quartier auf – statt wie ein Fremdkörper zu wirken. Das gilt besonders bei Aufstockungen und Anbauten, die der Architektur des Bestands folgen sollten.
Das Erdgeschoss: Eingänge, Fenster, ein kleiner Vorgarten oder eine Sitzgelegenheit schaffen einen Übergang zwischen Strasse und Haus. Gerade hier entscheidet sich oft, ob ein Gebäude den öffentlichen Raum bereichert oder ihm den Rücken kehrt.
Was das für Ihr Bauprojekt bedeutet
Die gute Nachricht: Schönheit ist kein Zufallsprodukt und kein Luxus, den man sich extra leisten muss. Sie entsteht durch bewusste Entscheidungen, die von Anfang an mitgeplant werden – bei der Wahl der Fassadenmaterialien, bei der Gliederung der Baukörper, beim Umgang mit dem Erdgeschoss und dem direkten Umfeld. Auch bei kleineren Bauten oder Umbauten gilt: Proportion und Massstab entscheiden oft mehr über die Wirkung als die Grösse des Budgets.
Ebenso wichtig ist, Schönheit nicht gegen Nachhaltigkeit oder Wirtschaftlichkeit auszuspielen. Ein Gebäude wird nicht automatisch schön, weil es eine gute Energiebilanz hat – aber gute Gestaltung und hohe technische Standards schliessen sich auch nicht aus. Wer diese Fragen früh mit seiner Architektin oder seinem Architekten bespricht, bekommt am Ende nicht nur ein Haus, das funktioniert, sondern eines, das auch in 30 oder 50 Jahren noch gerne bewohnt und angeschaut wird.
Quelle: R. Vesely, «Schönheit und Freude in der Architektur – und wie wir sie wiederfinden», Zürich, Juli 2026 (eigener Essay)